Handlungsbedingte Spurenerzeugung

Angelika Wischermann, 2019

Werkbezug: Recht schön gelegen, Abgesessen

Seit vielen Jahren bin ich als Performancekünstlerin tätig, mein Fokus liegt dabei meist auf ausgeführten Handlungen und Tätigkeiten. Zeitliche Ausdehnung und Wiederholung dieser Handlungen führen zur Hinterfragung der Funktion, lassen Komik und Absurdität entstehen. In Live- und Videoperformances mache ich Zeit über Wiederholung, Ausdauer und Anstrengung sichtbar. Aber gibt es nicht Wege meine Performances aus der Gegenwart und aus dem „gerade-jetzt-Geschehenden“ herauszutransportieren? Vor einiger Zeit stieß ich auf eine Möglichkeit, meine Performances von ihrer Gegenwartsverankerung loszulösen. Denn gerade meine ausgedehnten ständig wiederholten Handlungen können für das Erzeugen von Spuren, Abdrücken und Einschreibungen genutzt werden. Wirke ich mit meinem Körper immer wieder in der gleichen Art und Weise auf Objekt, Material oder Materie ein, beginnt sich dieses zu verändern oder abzunutzen. Bei diesem Abnutzungs- oder Transformationsprozess mache ich mir die Funktionen und Eigenschaften des Materials zu Nutze oder führe diese ad absurdum: Nutze ich meinen Körper, um Gras vor Licht abzuschirmen so färbt sich dieses gelb; rutsche ich so lange auf einem Stuhl herum, dass sich seine Sitzfläche völlig abnutzt und Löcher bekommt, raube ich durch Überbeanspruchung dem Objekt seine eigentliche Funktion. Um Spuren und Einschreibungen zu erzeugen, richte ich mich nach Materialeigenschaften oder Objektfunktionen; darüber hinaus mache ich die Handlung für einen längeren, mehr oder weniger temporären, Zeitraum sichtbar. Während das Gras relativ schnell wieder nachwächst und durch erneute Lichtbestrahlung wieder grüne Farbe bekommt, bleiben Abreibungen an den von mir behandelten Stühlen dauerhaft sichtbar.

Objekt- und Materialeinschreibungen bieten meinen Performances die Möglichkeit über den „Zeitraum-der-gerade stattfindenden-Handlung“ hinweg, das „Geschehensein-einer-Handlung“ mehr oder weniger dauerhaft zu verfestigen. Objekte und Materialien werden zu Zeugen der stattgefundenen Handlung, sie berichten von ihrer eigenen Entstehungsgeschichte. Die zur Spur transformierte Tätigkeit kann - ähnlich wie die Performance-Dokumentation - von Betrachtenden zur Vergegenwärtigung und Rekonstruktion des Geschehenen genutzt werden. Die so geschaffenen Objekte sind also Rückverweise, die die Möglichkeit bieten auf etwas zeitlich vorhergehendes hinzuweisen. Intensität und Länge einer Handlung werden nicht mehr direkt, über ihre zeitliche Ausdehnung, sondern indirekt, über ihre Materialeinwirkung, dargestellt und lassen sich an diesen ablesen.

Zeit und Wiederholung drücken in meinem Werk die Sehnsucht nach Zustandsstabilität aus. Repetition kann neben der negativen Deutung von Stillstand und Stupidität auch als etwas Bekanntes und Beruhigendes gelesen werden. Ausgedehnte Zeiträume über einen langwierigen performativen Akt und somit über das tatsächliche Verstreichen von Zeit darzustellen kann nur zu vergänglichen und temporären Ergebnissen führen. Lässt sich der Wunsch nach Zustandsstabilität, nach einer für ewig andauernden Handlung nicht am besten Darstellen, indem die Handlung dauerhaft in ein Material eingeschrieben und somit verfestigt wird?